Bewegliche Zivilisation – Wie weiter?

Workshop auf Burg Waldeck/Hunsrück vom 28. bis 30.4.2023

Drei aktuelle Diskussionen werfen ein neues Licht auf unsere Zivilisation:

  • Die Natur wird angesichts des Klimawandels endgültig als unhintergehbare Lebensgrundlage der Menschen verstanden.
  • Im Lichte der Debatten um den Kolonialismus wird das europäische Verhältnis zu indigenen Kulturen als imperiale Fehldeutung erkennbar.
  • Anthropologisch-archäologische Forschung präsentiert eine Alternative zur Fortschrittserzählung von Sesshaftigkeit und Staatlichkeit als Voraussetzung der Kultur.

Dies alles stellt althergebrachte Gewissheiten in Frage. Zivilisation kann nicht länger als technischer Fortschritt basierend auf der Ausbeutung der Natur und der Entwicklung statischer Gesellschaften verstanden werden. Die Zukunft der Zivilisation verlangt nach einem neuen Naturverhältnis, nach einem neuen Selbstverständnis und nach einem neuen Verhältnis zu den Lebensweisen, die kolonial unterdrückt wurden. Bewegung kennzeichnet die andere Zivilisation – ob als nomadische Lebensweise, Sehnsucht nach der Ferne, Zurück zur Natur, Wanderlust, auf der Walz oder vielleicht sogar im Wohnmobil. Stets gab es in der Zivilisation diesen Gegenentwurf.

Das wirft die Frage auf: Wie geht es weiter mit der Zivilisation? Welche Utopien und Praktiken braucht es für eine andere Zivilisation?

Wir wollen diese Frage mit dem Kulturwissenschaftler und Publizisten Thomas Wagner und dem Sozialwissenschaftler und Umweltaktivisten Rüdiger Haude diskutieren. Thomas Wagner forscht zu Staatsflucht. Beide haben jüngst ihr gemeinsam verfasstes Buch „Herrschaftsfreie Institutionen“ wiederveröffentlicht. Dazu kommen der Soziologe Jochen Schwenk und die Ideenhistoriker Oliver Eberl und David Salomon.

Die Jugendbewegung scheint diese Aspekte intuitiv vereint und vorweggenommen zu haben, wenn man sich auf die utopischen Aspekte in ihren Praktiken der Fahrt und des Singens konzentriert: Auf Fahrt hat sie sich intensiven Naturerlebnissen ausgesetzt und daraus ein Verhältnis zur Natur entwickelt, das eher Vertrautheit als Eroberungs- und Unterwerfungswillen stiftet. In ihrer Begeisterung für naturnahes, bewegtes Leben hat sie sich indigenen Völkern, Fahrenden, Seefahrern und Vagabunden zugewandt und ihnen nachgeeifert. So hat sie in ihrer Praxis ein kritisches Verhältnis zur Zivilisation entwickelt oder wenigstens vorbereitet. Natürlich steckt in diesem Programm auch die Gefahr des Abgleitens in falsche Naturromantik und völkische Politik. Hat die Jugendbewegung damit nicht dennoch auch zur Zukunft der Zivilisation statt zur Verherrlichung der Vergangenheit beizutragen? Eckard Holler wird dies mit Blick auf tusk mit uns diskutieren und Hans Bollinger das Lebensgefühl, das in den Liedern festgehalten ist, zum Klingen bringen.

Mit Hans Bollinger, Oliver Eberl, Rüdiger Haude, Eckard Holler, David Salomon, Thomas Wagner und vielen anderen.

Literatur:

Hans Bollinger, Auf vielen Straßen dieser Welt: Mit Liedern unterwegs zu Abenteuern, Spurbuch Verlag 2021.

Bruce Chatwin, In Patagonien: Reise in ein fernes Land, Rowohlt 1984.

Oliver Eberl, Naturzustand und Barbarei. Begründung und Kritik des Staates im Zeichen des Kolonialismus, Hamburger Edition 2021.

David Graeber, David Wengrow, Anfänge: Eine neue Geschichte der Menschheit, Klett-Cotta 2022.

Werner Herzog: Vom Gehen im Eis: München – Paris 23.11. – 14.12.1974, Carl Hanser 2022.

Eckard Holler, Auf der Suche nach der Blauen Blume: Die großen Umwege des legendären Jugendführers Eberhard Koebel (tusk). Eine Biografie, LIT Verlag 2020.

Pit Stibane (Hg.), Kiefern im Wind – Zum Naturverhältnis in der Jugendbewegung, Schriftenreihe in Verbindung mit dem Mindener Kreis 2010.

Thomas Wagner, Fahnenflucht in die Freiheit. Wie der Staat sich seine Feinde schuf – Skizzen zur Globalgeschichte der Demokratie, Matthes & Seitz, Berlin 2022.

Übernachtung ist im Säulenhaus oder im eigenen Zelt möglich.

Kosten und das detaillierte Programm werden noch bekannt gegeben.

Anmeldung und Fragen unter oeberl111@gmail.com